Der Beginn der Festspiele in Wetzlar

Am 10. August 1953 fand im Rosengärtchen die Eröffnung der 1. Wetzlarer Industriefestspiele statt, die in der Berichterstattung der örtlichen Presse so geschildert wurde: Fanfarenklang hat am Montagabend im Rosengarten den Beginn der Industriefestspiele 1953 strahlend verkündet. Auf einem der wuchtigen Türme der neuen Freilichtbühne standen vor mehr als 2000 Gästen Bergmänner in ihren schmucken Trachten, Angehörige des Werksorchesters der Buderus´schen Eisenwerke und bliesen eigens für die Festspiele geschaffene Klänge in den verklärten Abend.

Dieses Eröffnungsritual sollte in den folgenden Jahren zu einem ständigen Bestandteil des Wetzlarer Kulturlebens werden und wiederholt sich, wenn auch in vereinfachter Form und abgewandelt, im Jahre 1992 zum vierzigsten Mal.

Geht man der Entwicklung der Festspiele in diesen vierzig Jahren nach, so erlebt man ein Stück Wetzlarer Stadtgeschichte, das nicht nur auf den Theaterbereich begrenzt ist, sondern insgesamt den Weg der Stadt und ihrer Bürger vier Jahrzehnte hindurch begleitete.

Die Idee dieser Festspiele aber hatte ihre Wurzeln in einem Ereignis, das bereits im Jahre 1949 die Domstadt in den Blickpunkt einer überregionalen Öffentlichkeit stellen sollte und für die kulturelle Arbeit in der Stadt von Bedeutung wurde.

Im Jahre 1949 beging man in Deutschland den 200. Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes. Es war die erste große Reihe von Veranstaltungen, die sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Teilen des geteilten Deutschland mit einer Gestalt der Geistesgeschichte befasste, deren Ansehen in der ganzen Welt unbestritten war. Dass auch die Bürger der Stadt Wetzlar, in der immer die Beziehung zu Goethe und seinem Werk als ein besonderes Erbe gehütet wurde, sich an diesem öffentlichen Gedenken beteiligten, war eine Selbstverständlichkeit.

 

Es war der Leiter der Wetzlarer Volkshochschule, Anton Koppenhöfer, der sich dieser Aufgabe mit großem Einsatz verschrieben hatte. Er entwarf das Konzept der Wetzlarer Goethe-Festtage. Goethefeiern hatten aber nach seinem Verständnis nur dann einen tieferen Sinn, wenn ihnen eine tragende Idee zugrunde lag. Diese Idee müsse sein, eine neue Beziehung von Goethes Gedankengut zu unserer Zeit zu finden, wobei die vier europäischen Erbschaften: Schönheitsbegriff, soziale Ordnung, religiöses und natürliches Empfinden und demokratisches Gemeinschaftsgefühl in eine innere Verbindung zueinander gebracht werden sollten.

 

Um dieses zu verwirklichen sollte ein „Europäisches Gespräch“ unter Beteiligung möglichst vieler namhafter europäischer Persönlichkeiten veranstaltet werden. Aus dieser Idee heraus entstand die Wetzlarer „Goethevereinigung“, deren Vorsitzender Anton Koppenhöfer wurde.   

Kernpunkte des Koppenhöferschen Konzepts waren Vorträge und Gesprächsrunden, in denen das Thema Europa angesprochen werden sollte. Hierfür gewann er als Referenten den Dichter Rudolf Alexander Schröder und andere bedeutende Teilnehmer. Neben der musikalischen Umrahmung dieser Veranstaltung durch das Lehrer Kammerorchester Wetzlar, das Köckert Quartett und das Bad Nauheimer Symphonie-Orchester, sollten es aber vor allem Aufführungen von Werken Goethes sein, die der Bevölkerung einen unmittelbaren Zugang zur Ideenwelt des Dichters eröffneten.

Es wurden ausgewählt die Tragödie „Clavigo“ in der Inszenierung des Theaters der Stadt Gießen, „Egmont“ mit Paul Hartmann und dem Ensemble des Marburger Schauspiels, „Iphigenie“ mit dem Hessischen Theater der Jugend, Wiesbaden und ferner eine Aufführung des „Doktor Faust“ durch das Marionettentheater Harro Siegel aus Braunschweig.

 

Für die weitere Entwicklung in Wetzlar war bedeutungsvoll, dass sowohl „Egmont“ als auch „Iphigenie“ als Freilicht-Aufführungen durchgeführt wurden: „Egmont“ auf dem Kornmarkt, „Iphigenie“ im Rosengärtchen. Das Rosengärtchen, das auf diese Weise als Spielstätte entdeckt wurde, war erst kürzlich, aus einer Trümmerwildnis, in den es die Kriegs- und Nachkriegszeit versetzt hatte, in einen Zustand gebracht worden, der dem Ort die Berechtigung zum Führen seines lieblichen Namens wiedergegeben hatte, wie die Zeitung berichtete. Sie schrieb auch, dass er auf Anregung von Parteien und Bürgerschaft zu einem Kinderspielplatz und zu einer Liegewiese für junge Mütter und die allerjüngsten Wetzlarer ausgestaltet werden sollte.

 

Von ebendiesem Platz schrieb nun der Berichterstatter der WNZ:
"Mit zu den tiefsten Eindrücken der Wetzlarer Goethe-Festwoche gehört die Aufführung von Goethes "Iphigenie" durch das Hessische Theater der Jugend im Rosengärtchen." Diese Wirkung sei einmal auf den Hintergrund der Naturbühne zurückzuführen, die einen Eindruck stärkster Unmittelbarkeit vermittelte. "Es wird zu einem der schönsten Gewinne der Festwoche gehören, wenn diese schnell improvisierte Freilichtbühne in Zukunft zu einer Dauereinrichtung für Wetzlar wird. Man wundert sich selber, wie es kam, dass man bisher an den theatermäßigen Möglichkeiten dieser wundervollen Stätte vorbeiging." Zur Aufführung selbst: " Wie man sich im "Europäischen Gespräch" bemühte, Goethe von seinem olympischen Thron herunterzuholen und ihn in die Lebensmitte zu stellen, so bemühte man sich hier, Iphigenie zu enttempeln und sie zu einem Menschen zu machen, wie wir selber Menschen sind: Menschen, die streben und irren, weinen und leiden. Wir meinen, gerade so hat Goethe sie selber gesehen."

 

 War so die Aufführung der Iphigenie auf der Bühne des Rosengärtchens ein gutes Vorzeichen für kommende Spielzeiten, so erlitten Veranstalter und Besucher der "Egmont"-Aufführung auf dem Kornmarkt das Schicksal mancher späteren Freilicht-Aufführung.  Unter der Überschrift "Egmont im Regen" berichtete die WNZ: "Ein unglücklicher Stern stand über den beiden "Egmont"-Aufführungen. Beim ersten Start stürzte der Held, beim zweiten regnete es."

 

Die Aufführung des "Clavigo" machte ein weiteres Problem deutlich, vor das sich die Veranstalter künftiger Festspiele immer wieder gestellt sahen: Die Auswahl eines literarisch anspruchsvollen Stückes, das aber dem Publikum verhältnismäßig fremd ist und die Aufführung auf einer Bühne der Bundeswehrkaserne, die für ein Kammerspiel zu groß war.
Die Zeitung schrieb zu dieser Aufführung: "Es war die letzte Veranstaltung unter den vielen, für die zunächst das geringste Interesse bestand. Trotzdem war der Saal in der Silhöfer Au mit 1000 Besuchern besetzt. Der Inhalt der Tragödie sagt uns Heutigen wenig. Was haben uns schon die verhältnismäßig kleinen Nöte eines labilen und unentschlossenen Hin-und-her-Gerissenen zu sagen? Man mag auch dann noch nicht tiefer berührt werden, wenn man weiß, dass es sich um des Dichters eigene Nöte handelt, der hier eines seiner Selbstbekenntnisse ablegt. Was an dem Stück packte und immer wieder packen wird, ist die künstlerische Formung und die Eindringlichkeit der dichterischen Aussage, die in dem heißen Atem der gerade hier in Wetzlar so vertrauten "Werther-Zeit" geschieht, die ja in Wetzlar ihre eigenen Wurzeln hat."

Die eigenen Nöte der Zeitgenossen, die der Verfasser des Berichts denen des jungen Goethe entgegensetzte, waren übrigens im Jahre 1949 noch ziemlich handfester Natur. So wurde kurz vor Eröffnung der vom 20. bis 28. August dauernden Festwoche berichtet, dass "70 Ztr. Lebensmittel für die Goethegäste" vom Landesernährungsamt Hessen bewilligt worden seien. "Die Bezugsscheine werden an die Wetzlarer Gaststätten verteilt, die dadurch während der Goethe-Woche ihre Speisekarte um ein beachtliches- und sogar zu normalen Preisen - erweitern können. Die Gäste des Jugendlagers Wetzlar erhalten für die Dauer des Zeltlagers den Verpflegungssatz C1 zuzüglich Schulspeisung."

Man muss hier die deutlich werdenden Zeitumstände der ersten Nachkriegsjahre vor Augen haben, um den Mut und die Begeisterung der für die Veranstaltungen der Goethe-Festtage Verantwortlichen würdigen zu können. Aus den Erfahrungen und Impulsen jener Tage wurde der Gedanke kontinuierlicher Festspiele in Wetzlar geboren. Dass in einer Zeit, in der für die meisten Menschen der Kampf um die bloße Existenz das Denken beherrschte, an vielen Orten Festspiele entstanden, mag als Reaktion auf den tristen Alltag gesehen werden, aus dem noch kein überreiches Unterhaltungsangebot des Fernsehens entführen konnte. Dass kommende Wetzlarer Festspiele mehr sein wollten als reine Unterhaltung, das sollte sich bei der Programmgestaltung der ersten "Industrie-Festspiele" im Jahre 1953 herausstellen.
 
Franz Schulten

 

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